Diese CD habe ich zufällig entdeckt, weil ich nach der Veröffentlichung einer Komponistin suchte. Aber manchmal ist es wirklich das Fälligste, was einem zufällt. Einerseits hatte ich auf diese Weise ein Weihnachtsgeschenk für eine Freundin, die selbst Flöte spielt, und andererseits habe ich gleich mehrere vergessene Frauen auf einmal kennengelernt, Komponistinnen, von denen ich noch nie gehört habe und drittens hatte ich einen wunderbaren Hörgenuss über die Feiertage, weil ich mir die CD selbst unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte 😊
Das Konzept der CD „La Flûte Femme“
Das Duo Flöte an Tasten besteht aus der Flötistin Ute-Gabriela Schneppat und der Pianistin Karin Heidrich, die seit ihrer Studienzeit gemeinsam auftreten, dabei liegt ihnen am Herzen „den Reichtum der zu Unrecht kaum beachteten Musikliteratur von Komponistinnen hörbar zu machen“ (zit. aus dem Booklet). Mit ihrer CD haben sie das Werk von sieben Frauen nicht nur hörbar gemacht, sondern die Komponistinnen aus der Vergessenheit geholt. Selbst eben jene Flöten-Freundin, der ich die CD geschenkt habe, kannte die Frauen nicht. Da ich mich in meinem Blog auf die verstorbenen vergessenen Frauen konzentriere, erwähne ich die zeitgenössische Komponistin Tina Ternes (*1969) nur, obwohl auch deren Musik wie die der anderen Frauen, die ich im Folgenden kurz vorstelle, wunderbar ist.
Marie Félicie Clémence de Grandval (1828-1907)
Das musikalische Talent der am 21. Januar 1828 oder 1830 geborenen Marie Félicie Clémence wurde bereits in frühester Kindheit erkannt. Ihre wohlhabenden Eltern, die Schriftstellerin Adèle de Reiset (1796-1853) und der Militärangehörige Léonard Jean Népomucène de Reiset(1784-1857) ermöglichten ihr unter anderem, mit ab dem sechsten Lebensjahr Klavier- und Musikunterricht durch Frédéric Chopin, Friedrich von Flotow und Camille Saint-Saëns, was letzterer damit unterstrich, dass er der Frau sein Weihnachtsoratorium widmete. Auch für die Gesangsstunden war den Eltern eine renommierte Lehrkraft wichtig, so engagierten sie Laure Cynti-Damoreau (1801-1863), die Primadonna der berühmten Komponisten Gioacchino Rossini und Daniel-François-Esprit Aubers.
Schon früh begann die junge Frau, eigene Werke zu komponieren. Da sie kein angemessenes Studium aufweisen konnte, was in jener Zeit gar nicht möglich gewesen wäre, galt sie zwar als Laiin, schaffte es aber dennoch sich einen guten Ruf zu erarbeiten, sodass selbst gefeierte Musiker wie Hector Berlioz die Kompositionen neben ihren eigenen Werken aufführten.
Marie Félicie Clémence hatte nicht nur Glück mit ihren Eltern und den Lehrer:innen, sondern auch mit ihrem Ehemann, Charles Grégoire Amedée Amable Enlard Vicomte de Grandval (1830-1886), den sie 1851 heiratete, mit dem sie zwei Töchter bekam und der ihr dennoch erlaubte, ihre Karriere als Musikerin bis zu ihrem Tod am 15. Januar 1907 fortzusetzen.
Melanie „Mel” Bonis (1858-1937)
Im Gegensatz zu Marie Félicie Clémence de Val musste die am 21. Januar 1858 in Paris geborene Melanie Bonis, die sich selbst später Mel Bonis nannte, für die Musik kämpfen. Sie brachte sich selbst das Klavierspiel bei, weil ihre kleinbürgerlichen, streng katholischen Eltern, ihren Wunsch als Flausen im Kopf abtaten. Erst als ein Verwandter sie unter ihre Fittiche nahm und die Eltern von ihrem Talent überzeugte, stimmten diese einer musikalischen Ausbildung zu. 1876 kann sie ihr Studium am Konservatorium unter anderem zusammen mit Claude Debussy beginnen. Ihre musikalische Karriere schien auf einem guten Weg, Mel Bonis hat einen Preis für Klavierbegleitung und Harmonie errungen, da verliebt sie sich in den Sänger und Journalisten Amédée-Louis Hettich (1856-1937). Sofort treten ihre Eltern auf den Plan, verbieten eine Heirat, zwingen sie das Konservatorium zu verlassen und bestimmen fortan ihr Leben. Auf deren Betreiben heiratete sie einen mehr als 20 Jahre älteren Industriellen und führte unter den strengen Augen von Vater, Mutter und Ehemann ein Leben als Hausfrau und Mutter. Doch in ihrem Herzen ist weiterhin Musik und Amédée-Louis Hettich wieder in ihrem Leben auftaucht, beginnt sie wieder zu komponieren und unter anderem seine Texte zu vertonen. Bei ihrem Tod am 18. März 1937 hinterließ sie ein Gesamtwerk von über 60 Klavierstücken sowie über 30 Gesangsstücke.
Laura Netzel alias „N. Lago“ (1839-1927)
Laura Netzel wurde zwar am 1. März 1839 im finnischen Rantasalmi geboren, da sie jedoch schon im ersten Lebensjahr nach Schweden kam, gilt sie als schwedische Komponistin – wenn sich überhaupt jemand mit ihr beschäftigt. Was eher selten geschieht, obwohl die Komponistin in einem Umfeld aufwuchs und als Ehefrau lebte, das der Musik zugetan war. Bereits als Kind bekam sie Klavier- und Gesangsunterricht und ihr erstes Konzert als Pianistin hatte sie mit 17 Jahren. Auch nachdem die gebürtige Laura Constance Pistolekors 1861 den Arzt Wilhelm Netzel heiratete, konnte sie ihre musikalische Begabung weiterentwickeln und 1874 unter dem Pseudonym N. Lago mit eigenen Kompositionen an die Öffentlichkeit treten. Zu ihren Lebzeiten wurden ihre Lieder, Werke für Chor sowie Klavier- und Kammermusik in vielen Ländern aufgeführt, auch in Deutschland. Sie engagierte sich jedoch nicht nur für ihre Musik und pflegte einen engen Kontakt zum Königshaus, sondern nutze ihre Verbindungen auch dafür, Menschen, die weniger Aufmerksamkeit bekamen, zu helfen. So engagierte sie sich für die Frauenrechte, gründete ein Frauenhaus zum Schutz von Frauen sowie ein Kinderkrankenhaus und war an der Gründung des Freilichtmuseums in Skansen bei Stockholm beteiligt. Es ist unglaublich, dass ihr Name dennoch über die Grenzen von Schweden und einige Musikinteressierte nicht bekannt ist. Laura Netzel starb am 10. Februar 1927.
Rosy Wertheim (1888-1949)
Rosalie Marie „Rosy“ Wertheim, die am 19. Februar 1888 in Amsterdam geboren wurde, wuchs in einer Bankiersfamilie auf, die ihre ein Studium am Konservatorium ermöglichen konnte, das sie 1921 mit dem Staatsexamen abschloss. Im Anschluss komponierte sie und unterrichtete acht Jahr selbst am Konservatorium, ehe sie 1929 für sechs Jahre nach Paris zog, wo sie musizierte, komponierte und für eine Amsterdamer Zeitung über das Leben in der französischen Hauptstadt berichtete. Ehe sie 1937 in ihre Heimatstadt zurückkehrte, lebte, arbeitete und lernte Rosy Wertheim in Wien und New York. Nachdem die Nationalsozialisten in die Niederlande einmarschierten, organisierte sie anfangs noch geheime Konzerte mit der Musik jüdischer Künstler:innen und versteckte Geflüchtete in ihrem Keller, bis sie sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft selbst vor den Nazis verstecken musste. Sie überlebte die Judenverfolgung, während ihre Familie zum größten Teil deportiert und ermordet worden war. Nach der Befreiung der Niederlande finanzierte sie mit Musikunterricht ihren Lebensunterhalt, bis sie erkrankte und ans Bett gefesselt war. Bei ihrem Tod am 27. Mai 1949) hinterließ sie über 90 Musikwerke, die lange vergessen waren und selbst in den Niederlanden erst in den letzten zehn Jahren wieder aufgeführt werden
Ruth Zechlin (1926-2007)

Als ich den Namen Ruth Zechlin las, dachte ich, endlich kenne ich eine der Frauen, um dann festzustellen, dass ich sie mit der Autorin verwechselt habe. Von der am 22. Juni 1926 geborenen Komponistin, Cembalistin und Organistin Ruth Zechlin hatte ich noch nie gehört. Vielleicht liegt es daran, dass sie im Osten Deutschlands aufgewachsen ist und nach dem Krieg bis zur Wiedervereinigung in der DDR gelebt hat. Das Interesse für Musik wurde ihr allerdings schon vor dem Zweiten Weltkrieg in die Wiege gelegt, buchstäblich, denn ihre Mutter besaß eine Klavierfabrik, sodass die Ruth – damals noch Oschatz – früh mit der Musik in Verbindung kam, bereits als Fünfjährige Klavierunterricht erhielt und mit sieben Jahren ihre erste Komposition vorführte. und es nicht ausblieb, dass sie 1943 ein Studium an der Leipziger Musikhochschule begann und – unterbrochen durch einen Arbeitseinsatz kurz vor Kriegsende – auch abschloss. Ab 1950 war sie selbst als Dozentin an der Deutschen Hochschule für Musik in Berlin tätig und konzertierte als Cembalistin in vielen Ländern Europas. 1952 heiratete sie Dieter Zechlin, dem sie die Namensgleichzeit zu der Autorin verdankte, die Ehe hielt bis 1972, zu der Zeit war sie bereits Professorin und Mitglied in der Akademie der Künste der DDR. Nach der Wiedervereinigung zog sie nach Bayern, wo sie am 4. August 2007 verstarb. Bei ihrem Tod hinterließ sie über 250 musikalische Werke, die kaum noch aufgeführt werden.
Ruth Schonthal (1924-2006)
Am 17. Juni 1924 in Hamburg geboren, zog Ruth mit ihrer Familie bereits 1925 nach Berlin, wo ihr musikbegeisterter Vater schon bald ihr Talent für die Musik erkannte und ihr Klavierunterricht ermöglichte. Bereits mit fünf Jahren fiel sie durch eigene kleine kompositorische Ideen auf und wurde daraufhin am Stern’schen Konservatorium aufgenommen. Ihre Ausbildung fand mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein jähes Ende. Die jüdische Familie musste Deutschland verlassen, dennoch haben die Eltern versucht, ihr Talent auch im Exil in Schweden und Mexiko zu fördern. Aber erst als sie sich von den Vorlieben des Vaters und den familiären Zwängen löste, fand sie ihren eigenen Stil, der sich in über einhundert Kompositionen widerspiegelt, aber heute kaum an die Öffentlichkeit gelangt, obwohl der Kasseler Furore-Verlag ihr Werk vertritt und die Berliner Akademie der Künste mit dem Ruth Schonthal-Archiv dafür sorgt, dass sie und ihr Leben und Werk nach dem Tod am 11. Juli 2006 Verbreitung findet.
Hinweis auf die CD
Die CD „La Flûte Femme“ des Duos „Flöte an Tasten“, die ich euch sehr empfehlen kann, ist direkt bei den Musikerinnen erhältlich, die Abwicklung der Bestellung hat prima geklappt: www.floete-an-tasten.de
Weiterführende Links
Beitrag über Marie Félicie Clémence de Grandval bei fembio.org
Seite über Melanie Bonis
Laura Netzel im Blog von Ute-Gabriela Schneppat
Beitrag über Rosy Wertheim auf musica-reanimata
Website über Ruth Zechlin
NDR-Beitrag über Ruth Schonthal
Quellenhinweise zu den Fotos
Marie Félicie Clémence de Grandval gemeinfrei übernommen von wikipedia
Melanie „Mel” Bonis, um 1863, gemeinfrei übernommen von wikipedia
Laura Netzel, gemalt 1863, übernommen von wikipedia
Rosy Wertheim, gemalt 1912 von Jan Veth (Jüdisches Museum Amsterdam), übernommen von wikipedia
Ruth Zechlin: ADN-ZB Zimmermann 12.2.87-A Berlin: Komponisten-Kongreß. Pausengespräch während des Kongresses des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, übernommen von wikicomomons.