Als ich jetzt Briefmarken bestellt habe, ist mir auch die Marke mit dem Bild von Henriette Goldschmidt begegnet, die mir nicht nur vor einiger Zeit bei der Recherche für einen Roman begegnet ist, sondern auch bei dem Besuch des Fröbelhauses in Bad Blankenburg vor fast zehn Jahren. Damals habe ich begonnen, mich mit der Rolle des Papierfaltens in der Fröbel-Pädagogik zu beschäftigen und – wenn ich es jetzt so bedenke – sind mir dabei einige Frauen begegnet, die heute vergessen sind. Da werde ich noch einmal nachschauen. Heute stelle ich euch erst einmal Henriette Goldschmidt, geborene Benas, vor, die in einer kleinen Stadt in Polen geboren ist, aber Leipzig als ihre wahre Heimat empfunden hat.
Das Leben von Henriette Goldschmidt
Geboren wurde Henriette Goldschmidt heute vor zweihundert Jahren, am 23. November 1825 in der Provinz Posen als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns. Als sie fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter und sie bekam eine Stiefmutter, die zwar freundlich war, aber Analphabetin und nichts zur Bildung ihrer Stieftochter beisteuern konnte. Auch die höhere Töchterschule, mit der Henriettes schulische als 14-Jährige endete, trug wenig dazu bei, ihren Wissensdurst zu stillen. Diese Erfahrung beschäftigte sie ihr ganzes weiteres Leben, führte dazu, dass sie sich für Mädchenbildung einsetzte und in Leipzig die Gründung einer Hochschule für Frauen forderte und förderte. Zunächst heiratete sie jedoch 1853 ihren verwitweten Cousin, den Rabbiner Dr. Abraham Meyer Goldschmidt, und kümmerte sich um ihn und die drei Söhne, die er mit in die Ehe gebracht hatte. Der Umzug mit dieser Familie nach Leipzig im Jahr 1858 war für Henriette das Tor in eine völlig andere Welt. Sie wurde dort schnell heimisch, engagierte sich in Vereinen und begann, sich für Frauenrechte einzusetzen, so war sie wie Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt an der Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beteiligt und von 1867 bis 1906 Vorstandsmitglied dort.
Henriette Goldschmidt und der Kindergarten
In Leipzig lernte Henriette Goldschmidt auch das Konzept der Fröbel-Kindergärten kennen und freundete sich mit einer der engagiertesten Unterstützerinnen der Pädagogik an, Bertha von Marenholtz-Bülow. Henriette war begeistert von dem Konzept, stellte jedoch schnell fest, dass man sich das nicht durch Lesen der Schriften aneignen kann, sondern eine geordnete Ausbildung nötig sei. Daher gründete sie im Dezember 1871 den „Verein für Familien- und Volkserziehung“ mit dem Ziel, ein Kindergärtnerinnenseminar für Frauen aufzubauen, das 1872 gegründet wurde. Je mehr sie sich mit der Erziehung in den Kindergärten und der Familie beschäftigte, umso sinnvoller schien es ihr, den Kindergartenbesuch für alle Kinder verpflichtend zu machen. Das war 1898 – und wenn man daran denkt, wie heute noch gelegentlich über die Kindergartenbetreuung gestritten wird, ist klar, dass die Petition nicht nur abgelehnt wurde, sondern auch Empörung hervorrief, die Herren, unter anderem ein Schulleiter aus Gotha, mutmaßten, dass mit dieser Kindergartenpflicht die Familie zersetzt werden solle und würde. Henriette Goldschmidt ließ sich davon in ihrem Engagement für Kinder und Frauen nicht beirren und gründete 1911 in Leipzig die „Hochschule für Frauen“, die zunächst privat organisiert war und im Wintersemester 1916/1917 zur staatlichen Einrichtung wurde. Im Vergleich zum heutigen Bildungssystem war es so etwas wie eine Fachhochschule, die ab 1921 als sozialpädagogische Frauenseminar Leipzig geführt wurde.
Nicht ganz vergessen
Es ist sicher dem stärkeren Blick auf engagierte und einflussreiche Frauen zu verdanken, dass Henriette Goldschmidt heute wenigstens in der Region und dem Fachbereich bekannt ist. In der NS-Zeit wurde ihr Name nämlich aus der Geschichte ihrer Institutionen getilgt, da sie Jüdin gewesen war, auch wenn sie bereit 1920 verstorben war. Ab 1945 wurde ihre Bildungseinrichtung in Henriette Goldschmidt-Schule, umbenannt, in der pädagogische Fachkräfte ausgebildet wurden, darüber hinaus bekamen in der DDR einige Kindergärten ihren Namen. Henriette Goldschmidt starb am 30. Januar 1920 in Leipzig, in dem Haus, in dem sie ihre erste Schule für Kindergärtnerinnen eröffnet hatte und in dem ihr Verein für „Familien- und Volkserziehung“ ansässig war. Das Haus existiert nicht mehr, es wurde im März 2000 trotz großer Proteste der Leipziger Bevölkerung abgerissen, die Geschichte dahinter ist ein Kapitel für sich, das auf dieser Seite des Frauenarchivs nachzulesen ist. Sie beginnt damit, dass ein Kämmerer das Gebäude 1991 für einen Spottpreis an eine Angestellte aus dem Rathaus verkaufte und endete damit, dass der Stadtrat trotz jahrelanger Proteste von Frauen, den Abriss beschloss und durchsetzte. Wenigstens die Deutsche Post hat die Bedeutung von Henriette Goldschmidt erkannt und würdigt sie zum 200sten Geburtstag mit einer Briefmarke! © 21. November 2025 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de – www.birgit-ebbert.de
Kleiner Nachsatz: Beim Lesen von Artikeln im Netz und in Büchern habe ich so viele neue vergessene Frauen entdeckt, dass ich noch Stoff für einige Beiträge habe, dabei ist meine Liste jetzt schon ziemlich lang 😊
Links zu Henriette Goldschmidt
Henriette Goldschmidt im Digitalen Frauenarchiv