Ja, ihr seht richtig, die Lebensdaten von Marie Kaufmann konnte ich im Netz nicht ermitteln, immerhin fand ich den nebenstehenden Eintrag über sie im Wiener Adressverzeichnis für das Jahr 1898 und vor allem besitze ich ein Büchlein von ihr: „Die Anfertigung von PapierBlumen“, das mindestens fünf Auflagen erreicht hat. Deshalb wollte ich mehr über sie wissen.
Was ich über Marie Kaufmann in Erfahrung bringen konnte
Angefangen hat alles mit meinem Faible für alte Papierbastelbücher, so ist mir auch das Werk von Marie Kaufmann begegnet. Auf dem Cover meiner Ausgabe steht die Adresse Herrengasse 6 in Wien. Ich habe herausgefunden, dass das Gebäude unter dieser Adresse 1913 abgerissen wurde. Zur Wirkungszeit von Marie Kaufmann stand an dieser Adresse das Liechtensteinpalais, das so groß war, dass es neben der Herrengasse 6 noch die 8 sowie die Wallnerstraße 5-7 und die Fahnengasse 2 umfasste. 1792 erteilte Alois I Fürst von Lichtenstein (1759-1805) dem Baumeister Joseph Hardtmuth den Auftrag, auf dem Gelände, auf dem seit 1443 einzelne Häuser gestanden hatten, ein Palais zu errichten mit einem Hauptgebäude, einem Trakt für die Verwaltung, Ställen und einer Reitschule, die 80 Jahre später zum Bösendorfer-Konzertsaal umgebaut wurde. Das war dann schon zu der Zeit, die Marie Kaufmann erlebt hat, die wohl eines der Geschäfte im Kanzleitrakt in der Herrengasse 6 bewirtschaftet hat. Zu der Zeit gab es bereits ein Casino in dem Haus und im Obergeschoss eine Bibliothek mit wertvollen Schriften. Das Gebäude steht allerdings nicht mehr, nachdem es 1913 abgerissen wurde, lag das Gelände bis 1931, als der Bau eines Hochhauses begann.
Ob die zweite Adresse im Adressverzeichnis, Währinger Gürtel 108, den Standort ihrer Wohnung oder einer Filiale angibt, konnte ich nicht erschließen. An der Adresse finden sich heute ebenfalls Geschäfte, aber auch Apartments, sodass beides möglich wäre. Im inneren Titel der Bastelanleitung findet sich eine weitere Adresse, Deákgasse 13 in Budapest. Ich kann zu wenig Ungarisch, um dazu etwas herauszufinden, finde es aber beeindruckend, dass Marie Kaufmann um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert zwei Geschäfte betrieben hat. Das scheint mir ohne Telefon, Internet, Auto und vermutlich wenig Eisenbahnverbindungen doch beachtlich. Umso mehr ärgert es mich, dass ich keinerlei Informationen über die Frau finde. Schließlich hat sie nicht nur ihre Papierblumen und Bestandteile verkauft, sondern auch eine Anleitung dazu geschrieben, die mindestens fünf Auflagen erreicht hat.
Das Werk von Marie Kaufmann
Der Untertitel der Veröffentlichung lautet übrigens „Neueste vollständigte Anleitung zum Selbstunterricht im Anfertigen von Papierblumen“ mit dem Hinweis „Niederlage aller Blumen-Bestandtheile“. Diese Bestandteile konnte man bei Marie Kaufmann bestellen, meinem Buch lag auch das „Preis-Verzeichnis über die in Oesterreich von mir allein erzeugten Ausschläge zu PapierBlumen“ bei mit dem Hinweis auf ein „Reiches Lager aller Blumenbestandtheile u. Laubarten“. Ich musste erst einmal recherchieren, für welche Währung die Abkürzung „fl“ steht, für das ungarische Forint, das damals dem österreichischen Gulden entsprach, wir reden ja von der Zeit des Kaiserreichs Österreich-Ungarn! Die Blumenbestandteile waren zwar für ein paar Kreuzer zu bekommen, die Cassetten, die man heute Sets nennen würde, kosteten aber zwischen 3,50 und 10 Forint/Gulden. Kurios finde ich in dem Heftchen die Mengenangabe „1 Schlag“, so ganz kann ich mir die Maßeinheit nicht erklären, bei der Arnica ist z. B. von 12 Blättern im Schlag die Rede, für die Chrysanthemen wird 1 Satz benötigt und 1 Schlag Kelchblätter. Zum Glück will und kann ich nichts bestellen, sondern nur versuchen, eine der Blumen zu basteln.
Dazu gibt es in dem Buch Anleitungen und auf einem gesonderten Bogen Vorlagen, allerdings leider keine Bilder, sodass ich aus der Vorlage und der Anleitung schließen muss, wie aufwendig so eine Blume ist. Darüber werde ich dann gelegentlich im PapierZen-Blog berichten. Hier wollte ich euch die leider völlig vergessene Marie Kaufmann vorstellen, die vor 130 Jahren ein Faible für Papierblumen hatte und den Ehrgeiz, diese möglichst naturgetreu zu gestalten. Das schließe ich aus der Anmerkung in dem Nachtrag zum ersten Heft, der Anleitungen für neue Blumen enthält und hier sind „Verbesserungen im Anfertigen zu einigen bereits früher beschriebenen Blüten angegeben, durch welche man grössere Naturähnlichkeit derselben erreicht“. Sie scheint außerdem sehr gut organisiert gewesen zu sein und dachte durchaus ökonomisch, das verraten die Verkaufs-Bedingungen, in denen klare Vorgaben gemacht werden bis hin zur Schreibweise der Bestellungen samt Muster dafür.
Es ist so schade, dass ich über die Frau keine weiteren Informationen entdecken konnte, je mehr ich mir die Anleitungen und das Preisverzeichnis angeschaut habe, umso neugieriger wurde ich. Falls also jemand aus Wien kommt und von ihr gehört hat oder eine Idee hat, wo ich mehr über sie erfahren könnte, schickt mir gerne eine E-Mail an info@vergessene-frauen.de Schon jetzt vielen Dank, ich besorge mir jetzt erst einmal Seidenpapier, um eine Blume auszuprobieren. Die Cassette© ihrer Materialien, die ich im Internet fand, ist leider bereits verkauft, allerdings wäre mir 190 € doch zu viel Geld gewesen. © 2025 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de – www.birgit-ebbert.de