Designerin Marianne Brandt (1893-1983)

Gerade durchforste ich meine „Begegnungen“ mit vergessenen Frauen in den letzten Jahren und habe auch meine Blogbeiträge aus Gotha noch einmal durchgesehen. Da bin ich vielen spannenden Frauen begegnet, darüber schreibe ich dann noch gelegentlich 😊, am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir die Designerin Marianne Brandt aus Gotha, die am Bauhaus in Weimar studierte und später sogar ein Jahr die Metallwerkstatt leitete.

Marianne Brandts Leben vor dem Bauhaus

Als ich jetzt einen kurzen Abriss über das Leben von Marianne Brandt las, war ich beeindruckt, dass Marianne Brandt mit 30 Jahren noch einmal neu angefangen hat. Vor 100 Jahren wohlgemerkt, das trauen sich viele Menschen heute nicht. Lieber fristen sie ihr Dasein in einem ungeliebten Job oder schwierigen Beziehung, als etwas in ihrem Leben zu ändern. Marianne Brandt, am 1. Oktober 1893 als Marianne Liebe in Chemnitz geboren, besuchte 1911 ein Jahr an der fürstlichen freien Zeichenschule in Weimar und studierte anschließend an der Hochschule für Bildende Kunst. Dort besuchte sie ab März 1913 die Zeichenklasse, ehe sie in die Naturklasse aufgenommen wurde, in der sie neben heute bekannten Künstlern wie Hans Arp und Otto Pankok malte – und neben ihrem späteren Ehemann Erik Brandt, dem sie ihren Nachnamen und die norwegische Staatsangehörigkeit verdankte. So richtig gut lief die Ehe allerdings nicht, anfangs lebte das Ehepaar bei Erik Brandts Eltern, die so ganz anders waren als Mariannes Mutter und Vater. Während das Ehepaar Liebe selbst kunstinteressiert war und die entsprechenden Interessen und Talente ihrer Töchter förderte, ließen die Eltern Brandt jegliche Unterstützung vermissen. Kein Wunder, dass Marianne nie so richtig heimisch wurde in Oslo, auch in der eigenen Atelierwohnung, die sehr beengt war, und angesichts dessen, dass ihr Mann seine erste Ausstellung bekam und sie im Hintergrund blieb. Vielleicht war sie die treibende Kraft der Studienreisen des Ehepaars, das ein Jahr in Paris lebte, ehe es 1921 nach Weimar zog. Hier wandelte sich das Bild, Marianne Brandt nahm an Bildhauer-Seminaren teil und Erik ging zurück in seine Heimat.

Marianne Brandts Neustart am Bauhaus

1923 entschied die Malerin, etwas ganz Neues zu beginnen. Sie verbrannte alle ihre Bilder und schrieb sich am Bauhaus in Weimar ein. Obwohl sie gut ausgebildet war, durchlief sie wie alle anderen Studierenden den Vorkurs von Josef Albers und László Moholy-Nagy und nahm am Unterricht in Form- und Farbgestaltung von Wassily Kandinsky und Paul Klee teil. Es gelang ihr, sich einen Platz in der Metallklasse zu sichern, wo sie bereits früh inspiriert von László Moholy-Nagy Gedanken einen Tintenfassbehälter mit Federablage aus Kupferblech und der Kupfer-Nickel-Zink-Legierung „Neusilber“ fertigte. Dieses Material spielt auch in ihren späteren Werken eine besondere Rolle, weil es preisgünstiger ist und sich für die Serienproduktion anbot. Eines dieser Produkte war das Tee-Extrakt-Kännchen MT49, das heute – siehe unten – sogar Auktionatoren zum Staunen bringt. Nach Abschluss ihre Gesellenprüfung in der Metallwerkstatt, wurde sie zunächst stellvertretende und dann kommissarische Leiterin der Werkstatt. Sie entwickelte u. a. Lampenentwürfe für das neue Bauhausgebäude und organisierte schon früh eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Bereits 1927 waren Lampen in ihrem Design auf dem Markt.

1929 begann Marianne Brandt ihre Arbeit für die Ruppelwerke in Gotha. In den drei Jahren dort überarbeitete sie das Produktangebot komplett neu und entwickelte zig Modelle für Haushaltsgegenstände. Die Zusammenarbeit endete – laut Zeugnis – aus wirtschaftlichen Gründen 1932. Aber mich würde doch interessieren, warum Marianne Brandt dann in einem Brief meint, ihr Arbeitgeber sei empfindlich, was die Nennung des Unternehmens im Zusammenhang mit ihrem Namen angeht. Ob mehr dahintersteckt, habe ich noch nicht herausgefunden, womöglich sah der jüdische Inhaber des Unternehmens schon die Vorboten dessen, was ihn und seine Firma ab 1933 erwartete und hatte Sorge, dass die Verbindung mit dem Bauhaus ihm zusätzlich schaden könnte. Aber das ist ja für diesen Beitrag auch nicht so wichtig, entscheidend ist doch, dass Marianne Brandt als eine der wenigen Frauen im Bauhaus eine Führungsposition bekommen hat und das, was ihr vor allem Laszlo Molohy-Nagy im Vorkurs und in der Werkstatt vermittelt hat, in ästhetische Alltagsgegenstände umgesetzt hat, die heute noch nachgebaut werden. Das Modell ihres Teekännchens wurde 2007 sogar für 361.000 Dollar verkauft! Marianne Brandt war allerdings nicht nur Designerin, sie malte, fotografiert und gestaltete Fotocollagen, in denen sie sich mit dem Leben in der Großstadt, das sie unter anderem in Paris kennenlernte, und der Stellung der Frau auseinandersetzte, wozu sie vielleicht die Rolle der Frauen am Bauhaus inspiriert hat. Außer ihr selbst hatte dort nur die Textilkünstlerin Gunta Stölzl (1897-1983) eine Führungsposition und da Walter Gropius Frauen eher in den Textilwerkstätten sah, kann man sich denken, dass Marianne Brandt für ihren Platz in der Metallwerkstatt kämpfen musste.

Von der Politik ausgebremst

Nachdem die Ruppelwerke ihre innovative Designerin, die das Unternehmen 1930 vermutlich vor der Insolvenz bewahrt hatte, 1932 entlassen hatte, fand Marianne Brandt viele Jahre keine Arbeit mehr. Sie lebte bei ihren Eltern und hatte als überzeugte Anhängerin der Kunst am Bauhaus, die die Nationalsozialisten ablehnten, keine Arbeit. Nach dem Krieg wurde sie als Dozentin an der Hochschule für Werkkunst in Dresden eingesetzt, bis das politische System der DDR die moderne Kunst ablehnte, weil es mehr sozialistischen Realismus in der Kunst wünschte. Marianne Brandt wurde ein zweites Mal von einer politischen Ideologie ausgebremst, sie nahm noch Gelegenheitsaufträge an und werkelte vor sich hin. Kein Wunder, dass ihr Name lange Zeit vergessen war und erst langsam, vor allem durch das Bauhaus-Jahr 2019, in dem ich auch mehrere Werke von ihr in Erfurt, Weimar und Gotha gesehen habe, ans Tageslicht geholt wurde. Gerade habe ich mir die Zeit genommen, wieder in dem Katalog zur Ausstellung „4 Bauhausmädels“ zu blättern und zu lesen, eine davon war Marianne Brandt, die am 18. Juni 1983 gestorben ist und nicht mehr miterlebt hat, dass ihr Tee-Extrakt-Kännchen, das sie 1924 entworfen und gefertigt hat, 1998 eines von vier Bildern in dem Briefmarkenblock „Design in Deutschland“ wurde. Einen Eindruck von ihrem Werk und Leben gibt übrigens das Marianne-Brandt-Haus in Chemnitz, das ich allerdings noch nicht besucht habe. © 2026 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de

Hinweis: Die Fotos habe ich 2019 in den Ausstellungen „Vier Bauhausmädels“ in Erfurt und „Inspiriert vom Bauhaus“ im Kunst-Forum in Gotha gemacht und die Briefmarke in meinem Wohnzimmer fotografiert 🙂

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