Am Sonntag wird im Emil Schumacher Museum in Hagen eine Ausstellung mit Werken von sechzehn Künstlerinnen eröffnet, von denen ich größtenteils noch nie gehört hatte, dabei sind ihre Werke beeindruckend und ihre Lebensgeschichten faszinierend.
Was heißt denn InformElle?
„Informel“ war und ist die Bezeichnung für eine abstrakte Kunstrichtung der Nachkriegsjahre, die in den 40er-Jahre in Paris ihren Ausgang nahm. Ein Blick in den Wikipedia-Eintrag über Informel zeigt, dass bisher vor allem die Künstler im Blick standen, dort zumindest taucht keine einzige Künstlerin auf, sodass der Eindruck entsteht, das sei eine Männerdomäne gewesen. Mit diesem Eindruck räumt die Ausstellung „InformElle – Künstlerinnen der 1950er/60er-Jahre auf und ich hoffe, dass die drei Museen, die das Projekt gemeinsam realisiert haben, auch den Wikipedia-Eintrag anpassen werden.
Das Emil Schumacher Museum in Hagen, das einzige Museum für einen Künstler des Informel im deutschsprachigen Raum, ist die dritte Station der Ausstellung nach der Hessen Kassel Heritage und der Kunsthalle in Schweinfurt. Jedes Museum hat individuelle Besonderheiten ergänzt, in Hagen sind einige Werke aus dem Bestand des benachbarten Osthausmuseums zu sehen, unter anderem ein beeindruckendes Auftragsbild von Roswitha Lüder, das für das Trauzimmer im Hagener Rathaus gestaltet wurde. Roswitha ist mit 90 Jahren die einzige der sechzehn Künstlerinnen, die noch lebt und interessiert und bescheiden am Presserundgang teilgenommen hat. Mich haben ihre Werke und die der anderen Frauen begeistert, wenn ihr in der Nähe seid, solltet ihr einen Besuch einplanen und wenn ihr nicht in der Nähe seid, empfehle ich euch den Katalog, in dem nicht nur die Künstlerinnen vorgestellt, sondern auch die – vielfach vergessene – Kunst von Frauen in den 50er- und 60er-Jahren eingeordnet wird. Dass die Kunst von Frauen jener Zeit vergessen wurde, bestätigte Museumsleiter Rouven Lotz beim Pressegespräch, als er erzählte, dass manche der Künstlerinnen mit Künstlern liiert waren, die sich für die Kunst ihrer Kollegen engagiert und dabei ihre eigenen Frauen nicht selten vergessen haben.
Die vertretenen Künstlerinnen
Ich werde gelegentlich einzelne Beiträge über die Künstlerinnen schreiben, deren Werke mich besonders begeistern, daher stelle ich alle hier nur kurz in alphabetischer Reihenfolge vor, vielleicht entdeckt jemand eine Frau, deren Bilder oder Skulpturen sie immer schon mal live anschauen wollte. Das ist ab dem 31. August 2025 bis zum 11. Januar 2026 möglich.
Die gebürtige Frankfurterin Mary Bauermeister (1934-2023) hatte ihrer erste Einzelausstellung im Stedelijk Museum in Amsterdam, richtig erfolgreich wurde sie nach ihrem Umzug nach New York, wo sie vor allem durch ihre „Linsenkästen“ Bekanntheit erlangte. Dort löste sie sich von dem Informal, der in ihrem Spätwerk dann aber wieder aufblitzte.
Chow Chung-chen (1908-1996) ist in China aufgewachsen und war die erste Frau, die 1935 an der Sorbonne in Staatswissenschaften promovierte. 1951 begann sie, sich mit Kunst zu beschäftigen und studierte unter anderem in Stuttgart bei Willi Baumeister. Ihre Werke erinnern an Landschaftsbilder und Gegenstände, bleiben aber abstrakt. Obwohl sie Bücher geschrieben und illustriert hat und gerade in Deutschland Ausstellungen hatte, ist sie leider kaum bekannt.
Die ersten Werke der Schweizerin Helen Dahm (1878-1968) waren expressionistisch und teilweise christlich geprägt. 1954 erhielt sie als erste Frau überhaupt den Kunstpreis der Stadt Zürich. In den 50er-Jahren wandte sie sich in ihrer Arbeit der gegenstandslosen informellen Malerei zu.
Natalia Dumitresco (1915-1997) verließ 1947 bei einem Studienaufenthalt das kommunistisch bestimmte rumänische Heimatland und siedelte sich in Frankreich an, wo sie ab 1948 zunächst abstrakt-geometrisch arbeitete, ehe sie ihren eigenen Stil fand, der in den Bildern in der Ausstellung deutlich wird.
Nachdem sich die Spanierin Juana Francés (1924-1990) der abstrakten Kunst zugewendet hat, gründete sie 1957 als einzige Frau mit einigen Künstlern die Avantgarde-Gruppe El Paso. Sie war über Jahrzehnte auch in ihrer Heimat vergessen und gilt heute als eine der wichtigsten Künstlerinnen der 50er- und 60er-Jahre.
Die Berlinerin Sigrid Kopfermann (1923-2011) studierte Kunsterziehung in ihrer Heimatstadt und orientierte sich zunächst an den akademischen Konventionen der Kunst, ehe sie immer stärker ihre eigene informelle Bildsprache entwickelte und schließlich den Schuldienst quittierte, um als freie Künstlerin zu wirken.
Maria Lassnig (1919-2014) wurde 1951 durch die Ausstellung „Véhémences Confrontées“ in Paris inspiriert, sich dem Informel zuzuwenden, wobei sie sich zusätzlich von dem Verfahren der „Écriture automatique“ anregen ließ.
Die Westfälin Roswitha Lüder (*1935) fand während ihres Studiums der Werbegrafik in Wuppertal Zugang zum Informel, als diese Richtung in Deutschland ihren Höhepunkt hatte. Ihre Werke wurden schon bald in Einzel- und Gruppenausstellungen national und international gezeigt. In der Ausstellung sind neben den großen Werken zwei grafische Zyklen zu sehen.
Brigitte Meyer-Denninghoff (1923-2011) ist eine der wenigen deutschen Bildhauerinnen, die in den 50er- bis 70er-Jahren international erfolgreich waren und bei documenta-Ausstellungen präsent waren. Sie schaffte es, mit ihrem Werkstoff, Holz, Stein, Zinn, Messing, die Idee des Informel in Plastiken zu übertragen, von denen einige jetzt im Emil Schumacher Museum zu sehen sind.
Wie Natalia Dumitresco musste auch Judit Reigl (1923-2020) ihr Heimatland, in dem Fall Ungarn, verlassen, um ihren eigenen Stil zu entwickeln. Das konnte sie in Paris, wo sie ihren Weg zwischen Surrealismus, Informel und „Écriture automatique“ fand.
Marie-Louise von Rogister (1899-1991), die zunächst in und nach ihrem Studium an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Kassel figurativ arbeitete, wurde zu ihrem abstrakten Stil von der „Nouvelle École de Paris“ inspiriert. Die dadurch entstandenen Arbeiten sorgten im Gegensatz zur Figuration zu einer größeren Wahrnehmung in nationalen und internationalen Ausstellungen.
Die Anfänge der bildhauerischen Arbeit von Christa von Schnitzler (1922-2003) waren stark figurativ geprägt, bis sie sich davon in den 50er-jahren immer mehr löste und schließlich ihre eigene Gestaltungstechnik in der Arbeit mit Wachsplatten fand.
Die Autodidaktin Sarah Schumann (1933-2019), geborene Maria Schirmer, konnte bereits mit zwanzig Jahren ihre erste Einzelausstellung präsentieren. Sie entwickelte in den folgenden Jahren immer stärker ihren abstrakten Stil, der einerseits vom Informel geprägt war, während andererseits ihre „Schock-Collagen“ politische und feministische Themen aufgriffen.
Als Susanne Schüller in Wien geboren, floh Soshana (1927-2015) mit ihrer jüdischen Familie nach England und in die USA, wo sie den Künstlernamen Soshana, dem hebräischen Wort für Susanne, annahm. In der Emigration arbeitete sie vor allem expressiv-figurativ. Das änderte sich, als sie nach dem Krieg in Paris mit gestisch-abstrakten Bildformen in Kontakt kam. Diese Eindrücke wie auch die einer Asienreise spiegeln sich in manchen Werken wider, die in der Ausstellung zu sehen sind.
Hedwig Thun (1892-1969) arbeitete figurativ, bis sie ein halbes Jahr am Bauhaus in Dessau war und sich unter anderem von Wassily Kandinsky beeinflusst der abstrakten Kunst zuwandte. Von diesen Einflüssen löste sie sich in den 50er-Jahren, als sie mit Techniken des Abstrakten Expressionismus experimentiert und informelle Gemälde schuf.
Die Portugiesin Maria Helene Vieira da Silva (1908-1992) gilt heute als eine der wichtigsten Künstlerinnen, der Nachkriegszeit, die mit dem Informel verbunden werden. Zu dem Erfolg ihrer von Liniengittern durchzogenen Bildräume haben auch Präsentationen auf drei documenta-Ausstellungen in Kassel und eine Einzelausstellung in Hannover beigetragen.
Bei der Beschreibung der Künstlerinnen habe ich mich aus Zeitgründen an den von Museumsleiter Rouven Lotz erstellten Kurzbiografien orientiert, aber ich wollte unbedingt neugierig machen auf die Ausstellung, die ich mir sicher noch einmal in Ruhe anschauen werde, um danach über die eine oder andere Künstlerin weitere Informationen in Erfahrung zu bringen. 2025 © Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de