Als ich kürzlich vergessene Frauen aus der Bodensee-Region suchte, habe ich die Künstlerin Martha Cunz entdeckt, mit der ich mich etwas mehr beschäftigt habe, nachdem ich bei Wikipedia las, dass ihr Holzschnitt „Regenbogen“ 1937 bei der Aktion „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten aus dem Essener Folkwang-Museum entfernt wurde. Heute vor 150 Jahren wurde sie geboren und ich habe nicht einen Artikel zu diesem Ereignis gefunden, es mag sein, dass Kunstwissenschaftler sich an sie erinnern, Medien anscheinend nicht,
Wie Martha Cunz zur Künstlerin wurde
Martha Cunz wurde am 24. Februar 1876 in St. Gallen geboren und hatte dort auch ihren ersten Zeichenunterricht wie auch in dem Mädchenpensionat, dass sie als Tochter aus gutbürgerlichem Haus jener Zeit besuchte. Ihre Ausbildung bestand dann zunächst darin, Werke alter Meister zu kopieren. Dabei scheint sie sich so gut angestellt zu haben, dass ihr Lehrer sie über Umwegen im Frühjahr 1896 an den Dachauer Maler Adolf Hölzel vermittelte. Auch dort hatte sie wohl bald ausgelernt, 1897 wechselte sie nach München an die Künstlerinnenschule. Wie lern- und wissbegierig sie war und wie sehr auf der Suche nach Inspiration, zeigen die auch in den nächsten Jahren schnellen Orts- oder Lehrerwechsel. Von der Künstlerinnenschule zog es sie zu einem Malsemester bei einem Künstler, von dort aus ging sie zum Studium nach Paris. Den entscheidenden Impuls für viele Jahre ihres Wirkens erhielt sie 1901 bei einem Litho-Kurs in München. Bald darauf entstand ihr erster eigener Holzschnitt mit dem Titel „Abend“, der die Dämmerung in ihrer Heimatstadt St. Gallen zeigte. Fünfzehn Jahre blieb sie dem Holzschnitt treu und entwickelte einen ganz eigenen Stil für ihre vielfarbigen Holzschnitte. Inspirieren ließ sie sich dazu einerseits von japanischen Vorbildern, aber auch von dem, was sie bei Aufenthalten in den Niederlanden und in Italien kennenlernte. Wie gut ihre Arbeiten waren und dass sie zurecht in ihrer Zeit international bekannt war, zeigt sich daran, dass sich Bauhaus-Künstler Wassilji Kandinsky nachweislich von ihrem Holzschnitt „Blick auf den Säntis“ zu zwei Murnau-Landschaftsbildern anregen ließ. Martha Cunz lebte bis zum Ersten Weltkrieg hauptsächlich in München, zog sich dann aber wieder zu ihren Eltern in die Schweiz zurück, wo sie sich neben dem Elternhaus 1920 ein Atelier bauen ließ. Hier lebte sie auch, bis 1931 an Holzschnitten arbeitend, sich dann der Malerei widmend, bis zu ihrem Tod am 15. Mai 1961.
Die Kunst von Martha Cunz
In ihren letzten drei Lebensjahrzehnten malte Martha Cunz zwar wieder wie am Anfang ihrer Laufbahn, wobei sie sich Porträts und Landschaften widmete. Vielleicht ist dadurch der bedeutendste Teil ihres Schaffens in Vergessenheit geraten. Vielleicht kam auch der Krieg dazwischen oder dass sie eine Frau war, man weiß es nicht. Ausstellungen in unserem Jahrhundert wie die „Von Japan inspiriert – Martha Cunz und der Holzschnitt um 1990“, die im Frühjahr 2027 in Reutlingen zu sehen war, stellen den Teil ihrer Kunst in den Mittelpunkt, mit dem sie sich zu ihrer Zeit von anderen absetzte. Wie sehr ihr Herz an dieser Technik hing, wird auch daran deutlich, dass sie die Deutsche Vereinigung Graphik und den grafischen Verein „Die Walze“ mitbegründete. Das Besondere ihrer Holzschnitte ist der „japanisierende Vielfarbenholzschnitt“, der mit mehreren Farbplatten eine asiatische Anmutung in einem urdeutschen Sujet hervorruft. Wobei sie sich nicht nur von der japanischen Kunst, sondern ebenso von den Strömungen der Nachbarländer wie die Niederlande, Italien und Frankreich inspirieren ließ. In der Linksammlung finden sich einige Webseiten, auf der einige dieser Bilder zu betrachten sind. © 2026 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de
Links über Martha Cunz
Artikel über Martha Cunz im ArtMagazin vom 8. Juni 2017
Kunstbulletin über Martha Cunz
Video über die Ausstellung „Von Japan inspiriert – Martha Cunz und der Holzschnitt um 1900“
Beitrag der Galerie Il Tesoro mit Bildern von Martha Cunz
Werke von Martha Cunz auf Artnet
Das Artikelfoto ist Teil meines Kunstprojektes „Vergessene & verdrängte Frauen“.