Fragt mich nicht, wie ich auf diese vergessene Frau aufmerksam wurde. Ich glaube, ich wollte eine Geschichte über vergessene Frauen und Karneval schreiben und landete plötzlich in Köln, der Hochburg des männlichen Dreigestirns Prinz, Bauer und Jungfrau. Die Hintergründe, warum es zweimal in der Geschichte des Kölner Karnevals eine Frau im Dreigestirn gab, ist weniger erfreulich, aber erinnern sollte man sich dennoch an Paula Zapf (1918-2005) als Jungfrau Paula I., finde ich.
Das Kölner Dreigestirn
Die höchsten „Tollitäten“, wie es in Karnevalssprache heißt, sind in Köln seit der Karnevalsprinz, der Bauer und die Jungfrau, die schon im 19. Jahrhundert von einem Mann dargestellt wird. Das ist auch heute noch bzw. wieder so. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 fing es allerdings bereits an zu gären in Köln, ein Mann, der eine Frau darstellte, das passte so gar nicht zu der Ideologie der neuen Herrscher. 1938 ordneten diese endgültig an, dass alle weiblichen Rollen innerhalb der Karnevalstraditionen nur noch von Frauen eingenommen werden durften. Das ginge ja gar nicht, dass Männer sich in den weibischen Kostümen und Rollen zeigten. Das galt bereits ab1936 für die Tanzgarden, in denen bis dahin auch Männer als Tanz- und Funkenmariechen auftraten, und das galt vor allem für die Jungfrau im Kölner Dreigestirn. Dem Festausschuss blieb auf Druck des nationalsozialistischen Gauleiters, der die Domstadt im Blick hatte, nichts anderes übrig, als sich zu fügen und in der Sitzung am 1. Februar 1938 die Änderung im Protokoll zu beschließen. Nun musste nur noch eine junge, hübsche, am besten blonde Frau her und da fiel die Wahl auf die 19-jährige Fabrikarbeiterin Paula Zapf, die Tochter eines Bekannten des Präsidenten – der Kölner Klüngel lässt grüßen. Prinz Peter Hubert I soll wenig begeistert gewesen sein, er hatte Sorge, dass die junge Frau ihm die Show stehlen könnte 😊 und die Kölner fanden den Bruch ihrer ehrwürdigen Tradition auch nur begrenzt gelungen. Wie wichtig den Nationalsozialisten diese Änderung war, wird daran deutlich, dass die Prinzenproklamation mit weiblicher Beteiligung in fast allen Rundfunksendern im Deutschen Reich übertragen wurde! Angeblich soll sogar der Kölner Oberbürgermeister eine Hymne an die junge Frau gereimt haben, die – wie sie selbst sagte – zu dem Amt gekommen war „wie die Jungfrau zum Kinde“. Ein passendes Bild der ersten Frau im Kölner Dreigestirn, oder?
Paula Zapf als erste Frau im Kölner Dreigestirn
Paula Zapf soll einem Zeitungsartikel zufolge gar nicht begeistert gewesen sein, als man sie über ihre Aufgabe in der Karnevalssession 1937/1938 informierte. Ob sie gebeten oder per Machtwort des Vaters zu der Aufgabe gedrängt wurde, ist nicht klar. Auf jeden Fall stand sie am Rosenmontag neben dem Prinzen und dem Bauern auf Bühne und Umzugswagen. Vermutlich hatte ihr Arbeitgeber nichts dagegen, dass in dieser Zeit ihre Arbeit ruhte. Im selben Jahr beging die Firma Bierbaum-Proenen, in deren Hemdenausgabe Paula Zapf arbeitete, ihr 150-jähriges Bestehen und spendierte der Mitarbeiterin sogar das Kostüm der Jungfrau, das ihr Vater Rudi Zapf, Posaunist beim Reichssender Köln, und ihre Mutter, die Kellnerin Therese Zapf, sich wohl nicht hätten leisten können. Paula Zapf, am 17. März 1918 in Köln geboren, lebte auch nach Aschermittwoch 1938 weiter in Köln, sie heiratete, bekam einen Sohn, ließ sich scheiden, heiratete erneut und verbrachte ihren Lebensabend nach der letzten Heirat als Paula Kriske in einer Kölner Altenpflegeeinrichtung. Dort erhielt sie kurz vor ihrem Tod 2005, dessen genauen Tag wohl auch keine der Kölner Zeitungen ermitteln konnte oder wollte, noch einmal Besuch der Kölner Ehrengarde. Immerhin etwas, denn als Frau durfte sie nicht Mitglied in dem Verein der ehemaligen Prinzen, Bauern und Jungfrauen werden – bis zu ihrem Tod nicht, 1988 wurde der Vorschlag des damaligen Dreigestirns, Paula Zapf bzw. Paula Kriske in den Klub aufzunehmen, abgelehnt!
Wie aus der weiblichen Jungfrau wieder ein Mann wurde
Schon im Jahr darauf übernahm Else Horion, eine 23-Jährige Erzieherin aus dem Werkskindergarten der Firma Stollwerk die Rolle der Jungfrau im Dreigestirn. Sie war damit zugleich die letzte offizielle weibliche Jungfrau, weil der Karneval im Krieg ruhte. Im inoffiziellen Dreigestirn gab man der 19-jährigen Elfriede Figge die Aufgabe, Prinz und Bauer zur Seite zu stehen. Über keine der beiden Frauen habe ich Lebensdaten oder weitere Informationen gefunden ☹ Aber nun wird es spannend, kaum konnte nach dem Krieg wieder Karneval gefeiert werden, wurde die Jungfrau wieder durch einen Mann dargestellt, während als Tanz- und Funkenmariechen weiterhin – böse gesagt – junge Frauen ihre „Poppes“, wie die Kölner sagen würden, darbieten mussten oder durften, je nach Blickwinkel. Die Männer haben es also nach dem Krieg wieder übernommen, den Lauf der Geschichte in ihrem Sinne zu bestimmen – popwackelnde junge Mädchen auf der Bühne, aber keine Frau auf der Tribüne und auch nicht im Klub der Ehemaligen. Ja, ich weiß, Paula Zapf hat die Entscheidung vermutlich nicht selbst getroffen, sie hat nicht für die Aufgabe gekämpft und sie hat sich nicht für Frauenrechte oder andere gesellschaftliche Belange eingesetzt. Aber sie verkörpert einen Meilenstein in der Geschichte der Frauen – nicht nur in den Traditionsvereinen des Kölner Karneval und deshalb sollten sie und ihre Geschichte nicht unter den Teppich gekehrt und vergessen werden. © 2026 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de
Weiterführende Artikel
Wikipedia-Beitrag über Paula Zapf
Paula Zapf – die Frau, die eine Jungfrau war (Kölner Karneval)
Als die Jungfrau ein echtes Mädchen war (Carl Dietmar, Kölner Stadtanzeiger 1.12.2022)
Warum dieses Bild in die Geschichte des Kölner Karnevals einging (Kölner Express)
Kölsches Mädchen statt DragQueen (Museen Köln)
Kölner Karneval 1938/39: Die männliche Jungfrau wird verboten (queer.de)
Das Artikelfoto ist Teil meines Kunstprojektes „Vergessene & verdrängte Frauen“.