Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, mir die Ausstellung „Von Louise Bougeois bis Yoko Ono. Schmuck von Künstlerinnen“ im Museum für angewandte Kunst Köln anzusehen und interessante Designerinnen kennenzulernen. Insgesamt wurden Broschen, Halsschmuck, Ohrhänger, Armbänder, Ringe u. ä. von 45 Künstlerinnen ausgestellt, da könnte ich euch ohnehin nicht alle vorstellen und beschränke mich daher auf die Frauen, die meinem Kriterium für „vergessene Frauen“ entsprechen, sprich, die bereits verstorben sind und deren Werk abgeschlossen ist.
Die Idee der Ausstellung
Die noch bis zum 26. April 2026 zu sehende Ausstellung stellt bewusst zum ersten Mal überhaupt nur Schmuck von Künstlerinnen in den Mittelpunkt, um zu zeigen, wie vielfältig deren Werk ist und „die traditionell männlich geprägte Wahrnehmung des avantgardistischen Künstlerschmucks“ (Tafel 1 in der Ausstellung) zu hinterfragen. Unter den Designerinnen der spannenden und sehr unterschiedlichen Stücken befinden sich auch Frauen, deren Namen ich zumindest kannte, wenn auch nicht immer im Zusammenhang mit Schmuck wie Yoko Ono, Sonia Delauny-Terk, Niki de Saint Phalle und Sophie Taeuber-Arp, die bekommen vielleicht mal einen ausführlichen Artikel hier im Blog. 😊 Von den meisten Künstlerinnen, die aus ganz unterschiedlichen Materialien von Wachs bis Vinyl Schmuck gestalten, hatte ich noch nie gehört, allerdings bin ich auch keine Schmuckexpertin, die werden das Werk vielleicht, vermutlich, bestimmt, hoffentlich kennen. Das älteste Stück – von Sophie Taeuber-Arp – entstand übrigens um 1920, die jüngsten wurden in 2025 gefertigt.
Rebecca Horn (1944-2024)
Die am 24. März 1944 in Michelstadt geborenen Konzept- und Performancekünstlerin Rebecca Horn gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen Deutschlands und ich frage mich, ob sie mir nicht doch schon einmal begegnet ist. Ich weiß es nicht, sicher schadet es nicht, an sie zu erinnern. Zumal sie auch in mein Projekt „Kindheitsträume“ passen würde, da sie sich schon als Kind gewünscht hat, Künstlerin zu werden, angeregt von einem Onkel, der Künstler war, und einem Kindermädchen, die selbst Malerin das Mädchen zum Malen und Zeichnen ermutigte. Dennoch begann sie nach dem Abitur ein Studium der Volkswirtschaft, ein Wunsch der Eltern, die sich vorstellten, dass ihre Tochter das Textilunternehmen, das seit mehreren Generationen in der Familie war, fortführte. Schnell stellte sich heraus, dass dieses Studium nichts für Rebecca war, heimlich wechselte sie zur Hochschule für bildende Kunst Hamburg. Wie man sieht, gelang es ihr, sich in dieser Szene einen Namen zu machen, unter anderem stellte sie mehrmals auf der Documenta in Kassel aus, war Mitglied der Berliner Akademie der Künste und erhielt 1992 als erste Frau den Kaiserring von Goslar. Als Rebecca Horn am 6. September 2024 hatte sich ihr Kindheitstraum also mehr als erfüllt.
Bei der Suche nach Informationen über die Künstlerin, habe ich gerade festgestellt, dass der Skulpturenpark Waldfrieden vom 14. März bis 30. August 2026 Werke von Rebecca Horn in einer Einzelausstellung präsentiert.
Claire Falkenstein (1908-1997)
Die ersten Schmuckstücke der am 22. Juli 1908 in Coos Bay/Oregon geborenen Bildhauerin und Malerin entstanden bereits 1944, der Halsschmuck in der Ausstellung ist von 1955. Ihre Inspiration für die Kunst stammt nicht von einem Menschen, sondern aus der Natur. Schon als Kind ritt sie an den Strand, um dort Muscheln, Algen und was sonst herumlag und -schwamm zu betrachten. Davon ist in manchen der über 4.000 Werke, die in den USA und Europa, wo sie bei ihrem Tod am 23. Oktober 1997 lebte, entstanden. In ihren 89 Lebensjahren hat sie immer für die Kunst gelebt, was sich in großen Auszeichnungen wie die zur „Frau des Jahres“ 1969 und kleinen Auszeichnungen wie der Nutzung ihres Namens für das Restaurant „Claire’s at the Museum“ niederschlug. Ihr Großvater stammte übrigens aus Frankfurt, er war nach der Revolution 1848 in die USA ausgewandert.
Ruth Francken (1926-2006)
Ruth Francken wurde am 8. August 1924 in Prag als Ruth Steinreich geboren, mit ihrer Familie lebte sie ab dem ersten Lebensjahr in Wien, zog dann nach Paris und emigrierte schließlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach England und in die USA, wo sie 1942 eingebürgert wurde. In New York konnte sie das in Oxford begonnene Kunststudium fortsetzen. Sie arbeitete als Textildesignerin, bis sie 1949 mit ihrem Ehemann Joachim Phillip Francken aus Aachen (1906-1994) zurück nach Europa ging, erst zwei Jahre in Venedig lebte und sich dann für den Rest des Lebens in Paris niederließ, wo sie 1950 ihre erste Einzelausstellung hat und am 12. September 2006 starb. Erstaunlich fand ich jetzt beim Lesen über sie, dass sie dem Informel zugerechnet wurde, das hier in Hagen durch Emil Schumacher einen besonderen Stellenwert hat. Am Sonntag, dem 11. Januar 2026, endet die dortige Ausstellung mit anderen Künstlerinnen aus dem Informel.
Jacqueline de Jong (1939-2024)
😊 Als ich den Halsschmuck und den Ring von der am 3. Februar 1939 in Hengelo geborenen niederländischen Künstlerin Jacqueline de Jong sah, musste ich gleich an Kartoffeln denken – ohne das ich etwas über Werk und Künstlerin wusste. Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich getrocknete Kartoffeln waren, vergoldet und für den Halsschmuck mit Diamanten versehen. Das Leben der Bildhauerin, Malerin und Graphikerin begann alles andere als amüsant. Als die Nationalsozialisten in die Niederlande einzogen, musste sich die jüdische Familie mit dem kleinen Kind verstecken, beim Fluchtversuch in die Schweiz wurden Mutter und Tochter von der französischen Polizei gestoppt und verhaftet. Die Befreiung durch eine französische Widerstandsgruppe rettete sie vor der Deportation. Anders als die bisher vorgestellten Künstlerinnen schwankte Jacqueline de Jong lange, wo sie ihre kreativen Impulse ausleben sollte, 1957 arbeitete sie in Paris bei Dior und begann eine Schauspielausbildung, die sie 1958 in London fortsetzte. In beiden Metropolen kam sie in Kontakt mit Künstler:innen, was sich fortsetzte, als sie ab 1961 beim Amsterdamer Stedelijk Museum arbeitete. Diese Inspirationen nahm sie mit in ihre weiteren Stellen und die Ehe mit dem Galeristen Hans Brinkman, mit dem sie 1996 ein Anwesen in Frankreich kaufte, wo sie unter anderem die Kartoffeln züchtete, die sich zum Zentrum ihrer künstlerischen Werke entwickelte, die ab 2003 in Ausstellungen gezeigt wurden. Jacqueline de Jong starb am 29. Juni 2024.
Claude Lalanne (1925-2019)
Vor den Schmuckstücken der am 28. November 1925 in Paris geborenen französischen Bildhauerin habe ich wohl am längsten gestanden und mir in der Werkübersicht neben einen Ring geschrieben „Hammer“ 😊Dabei handelt es sich um einen zweiteiligen Fingerring, von denen jeder Ring einen Flügel eines Schmetterlings abbildet. Ich bin kein Fan von Schmetterlingen, aber die Idee fand ich grandios. Dieses Sujet ist typisch für ihr Werk, das auf unterschiedliche Weise und in verschiedenen Stilen von der Natur inspiriert ist. Von ihrer Ausbildung her war Claude Lalanne Architektin, hat sich aber künstlerisch zusammen mit ihrem Mann François-Xavier Lalanne (1927-2008) entwickelt und bis zu ihrem Tod am 10. April 2019 unter anderem Schmuck für wie Yves Saint Laurent und Christian Dior entwarf.
Louise Nevelson (1899-1988)
Die amerikanische Künstlerin Louise Nevelson, die am 23. September 1899 im Russischen Kaiserreich als Leah Berliawsky geboren wurde und aber bereits im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, arbeitete hauptsächlich mit Holz, was sich auch in dem ausgestellten Kunstwerk widerspiegelte. 😊 Ich dachte zuerst, es bestünde aus Kohle – 😊 das Ruhrgebiet lässt grüßen! – aber nein, der präsentierte Anhänger ist aus schwarz bemaltem Holz entstanden. Aber das Material wundert nicht, wenn man bedenkt, dass ihr Vater ein Holzsägewerk besaß. Sie besuchte zunächst eine Kunstschule, studierte dann in New York und konnte bereits 1941 ihre erste Einzelausstellung eröffnen. Holz blieb zwar ihr zentrales Werkmaterial, gerne auch Möbelteile und Holzabfälle, daneben setzte sie zeitweise auch Keramik ein. Ihre Werke waren bis zu ihrem Tod am 17. April 1988 und darüber hinaus in rund 250 Einzelausstellungen zu sehen und darüber hinaus unter anderem in der documenta in Kassel 1964 und 1968.
Dorothea Tanning (1910-2012)
Die Ohrhänger “Le Nil” von 1966 sind ein Element des vielfältigen Werkes der am 25. August 1910 geborenen amerikanischen Künstlerin Dorothea Tanning, die nicht nur Malerin und Bildhauerin war, sondern auch Bühnenbilder und Kostüme für das Theater entwarf, Rauminstallationen gestaltete und Bücher schrieb. Sie gilt heute als bedeutende Vertreterin des Surrealismus und war seit 1946 mit dem Künstler Max Ernst (1891–1976) verheiratet, wodurch sie zwischen den USA und Europa pendelte. Inspiriert wurde die Tochter schwedischer Einwanderer, die eher behütet aufwuchs, durch Literatur, einerseits Gruselromane und andererseits experimentelle Texte wie sie dadaistische und surrealistische Werke zu jener Zeit boten. Zugriff hatte sie auf die Literatur, weil sie mit 16 begann, als Assistentin einer Bibliothek zu arbeiten. Die experimentellen Texte haben sie so beeindruckt, dass sie unbedingt die Urheber kennenlernen wollte und kurzerhand nach Paris reiste, um die dortigen Künstler kennenzulernen. Diese waren allerdings entweder im Kriegseinsatz oder weggezogen, um sich vor Repressalien der Besatzer aus Deutschland zu retten. Also begann sie zurück in ihrer Heimat allein zu experimentieren und ihren Weg zu finden. Dennoch wurde sie nach der Hochzeit mit Max Ernst zunächst nicht als eigenständige Künstlerin wahrgenommen und musste sich ihren Platz erkämpfen, 1959 wurde sie zur documenta in Kassel eingeladen und 1974 fand im heutigen Centre Pompidou eine große Einzelausstellung ihres Werkes statt. Dorothea Tanning starb am 31. Januar 2012.
Sophia Vari (1940-2023)
Sophia Vari ist die einzige der bereits verstorbenen Künstlerinnen, über die es keine Seite bei Wikipedia gibt, dafür aber eine Internetseite mit Bildern von ihr und ihren Werken und biographischen Informationen. Sie ist 1940 in Athen geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zum großen Teil in der Schweiz, sie studierte Kunst in Paris und London, wo sie 1968 ihre erste Einzelausstellung hatte. Die Liste der Einzelausstellungen auf ihrer Website ist so umfangreich und reicht bis ins Jahr 2025, sodass das Datum ihres Todes, der 5. Mai 2023, kaum zu finden ist. In der Ausstellung ist ein Halsschmuck von ihr zu sehen, der ihren gesamten künstlerischen Ansatz widerspiegelt, in den Materialien Holz, Gold und Leder ebenso wie in den Einflüssen der unterschiedlichen Kulturen, in denen sie aufgewachsen ist.
Die Werke dieser und der anderen Frauen sind noch bis zum 26. April 2026 im Museum für angewandte Kunst Köln zu sehen und wenn ihr dorthin geht, plant unbedingt Zeit für die anderen Ausstellungen ein, ich bin nur dadurch gehuscht, weil ich einen Termin hatte. © 2026 Dr. Birgit Ebbert www.vergessene-frauen.de – www.birgit-ebbert.de